Karinas Flamencoweg

Wenn Du in Deutschland jemandem sagst, „mein Name ist Karina Sengersdorf, ich bin Flamencotänzerin“, und dazu siehst Du so gar nicht aus, wie man sich hier eine Spanierin vorstellt, dann ist die Reaktion immer die gleiche: „Ah, was für ein schönes Hobby! Und was machen Sie beruflich?“ – „Ich bin Flamencotänzerin.“ – „Ja, natürlich. Aber womit verdienen Sie Ihren Lebensunterhalt?“ – „Mit Flamencotanz.“ – „Aaahja. Und davon kann man leben?“ In Deutschland haben Künstler es nicht leicht. Da wundert es mich auch nicht, als meine Freunde und Bekannte dachten, ich hab nicht mehr alle Nadeln an der Tanne, als ich damals nach einem Spanienurlaub plötzlich frohlockte „Ich werde Flamencotänzerin!“. Ja, und damit begann mein Flamencoweg – mi camino Flamenco.

Karina Sengersdorf, Flamencotänzerin | Foto: SSFlamencotänzerin zu werden war meine feste Absicht, keine Spinnerei. Als ich vor vielen Jahren das erste Mal Flamenco in Spanien erlebte, ließ er mich einfach nicht mehr los. Ich war damals in einer schwierigen Lebensphase und heute weiß ich, das war mein perfekter „Flamenco-Moment“. Ich hatte das Gefühl, das fehlende Puzzleteil zu meinem Leben zu finden. Das Stück, das mir zur Vollständigkeit fehlte. Und von da an sollte sich alles ändern. Ich war überzeugt, hier eine Aufgabe, meine Berufung oder was weiß ich gefunden zu haben – irgendwas war da und ich musste der Sache nachgehen, egal was es mich kostet. Und es kostete mich. Mein früheres, langweiliges Dasein.

Niemand konnte mich verstehen. „Was!? Du willst nach Spanien gehen und Flamencotanz studieren? Geht´s noch? Du tickst ja nicht ganz sauber.“ Ja, vielleicht. Aber ich musste es versuchen. Ich fühlte, es war keine Spinnerei, ich wusste, ich kann es schaffen und – verdammt noch mal – einmal im Leben muss man auch mal was wagen! Ein Risiko eingehen. Und dann wurde es tatsächlich ernst. Und ich begann zu leben.

„Adiós Deutschland“ – eine Reise ins Ungewisse mit einer Handvoll Erspartem. Und den Adressen der besten Schulen Spaniens, wo ich fortan lernte. Jeden Tag. Kurse, Privatstunden, Workshops. Nebenbei ging ich jobben, egal was, so ein Traum muss schließlich auch irgendwie finanziert werden, viel in der Tasche hatte ich wirklich nicht. Aber wenn Deine Lehrer Dir sagen „Du kannst weit kommen, wenn Du hart und viel trainierst“, dann motiviert das. Und dann stört es Dich auch nicht, zu viert in einer 3-Zimmer-Studenten-WG zu wohnen. Und einer von uns war ein riesiger Hund. Oder ein Pony.

Ich trainierte nach dem Unterricht immer noch weiter, sooft es ging. Ich traf mich auch mit anderen Schülern, Gitarristen, Sängern, besuchte Konzerte, nahm noch Unterricht für Gesang, Cajón, Kastagnetten – ich saugte Flamenco auf und nahm alles mit! Jeder Tropfen (Flamenco)Schweiß hat sich gelohnt. Und es hat Spaß gemacht! MEHR DAVON!! Es ist erstaunlich, wieviel man aufnehmen und aushalten kann, wenn man mit dem ganzen Herzen dabei ist. Denn dass das alles auch ganz schön hart war, hab ich gar nicht so richtig wahrgenommen – erst im Nachhinein wurde es mir bewusst. Was ich damals durch und mit Flamenco erfahren habe, war einfach eine unvergessliche Zeit. Ich habe so viele gute Menschen (und einen Hund oder ein Pony) kennengelernt, das alleine war es wert.

Bild der Frau 27-12-2013 | Fotos: KH,KS

Jetzt schaue ich durch das Fenster meiner eigenen Flamencoschule zurück auf diese schöne, aufregende Zeit meiner ersten Flamencoschritte. Und ich lasse viele Bühnenauftritte passieren, die zu meinen schönsten Erinnerungen zählen, zu Fernseh-, Radio- und Zeitungsproduktionen und Begegnungen mit so vielen kreativen und netten (und auch ein paar nicht so netten) Menschen. Meine Flamencofreunde von früher treffe ich heute noch – Lehrer, Mitschüler, Sänger und Gitarristen, die ich oft besuche, wenn ich für Auftritte auf Reisen bin. Und weil ich als Tänzerin auf keinen Fall „stehenbleiben“ will, ist jede Spanienreise für mich auch Gelegenheit, weiter Unterricht bei den Großen der Szene zu nehmen. Es macht auch Spaß, einfach mal wieder Schüler zu sein, wenn man selbst schon unterrichtet. Flamenco ist wie das Leben, zu lernen hört nie auf – wie ein Universum, das es immer weiter zu entdecken gilt. Meine Leidenschaft für diese schöne Kunst wächst immer weiter und ich bin dankbar für alles, was ich durch und mit Flamenco erlebt habe. Auch an mir selbst. Jedes mal, wenn ich das auch bei meinen Schülern sehe, weiß ich, dass ich etwas davon weitergegeben habe.

Flamencotänzerin zu sein, fühlt sich herrlich an und gibt mir Kraft. Ich kann heute darüber lachen, dass man es mit diesem Beruf in Deutschland nicht leicht hat, denn ich weiß,  Flamenco steckt im Herzen und interessiert sich nicht für Nationalitäten. Dass man keine Spanierin ist, wird plötzlich Nebensache, wenn sie Dich auf der Bühne sehen und letztendlich sogar zu Deinem Vorteil „Also, das war ein wunderbarer Auftritt und so authentisch, so professionell! Obwohl Sie gar keine Spanierin sind! Alle Achtung!“ Schon komisch, die Leute, oder? Aber alles ist für was gut. Am Ende hat es mich gestärkt und zu dem gemacht, was ich heute bin, weil ich mich immer schon mehr anstrengend musste, um anerkannt zu werden. Was leicht zu haben ist, hat mich noch nie interessiert.

Immer schön lächeln! Rechtsanwaltsgehilfin Karina brütet über Gerichtsakten, geht mit dem Kanzleihund Gassi und kocht für Mandaten Kaffee. Das passte einfach nicht zu mir und da musste ich dringend raus. Flamenco kam zur rechten Zeit (nicht nur beruflich) und traf in offene Wunden. Mit meiner Profession „Flamencotänzerin“, die viel eher Berufung als Beruf ist, habe ich mir nicht nur einen Traum erfüllt, sondern mich in gewissem Sinne auch gerettet. Es war einfach… Notwehr! Nix wie raus hier! Und zwar egal, was andere über mich denken! Und wie ich bald herausfand ist genau das die Essenz des Flamencos – tu, was Du willst, dann bist Du echt und Du selbst. Ich bin durch Flamenco ein neuer Mensch geworden. Meine abenteuerliche Reise war eine Flucht vor dem alten Leben und gleichzeitig ein Ankommen in einem ganz neuen und bei mir selbst. Ich hätte nie vermutet, dass sowas einfach nur durch das Kennenlernen einer neuen Kultur möglich sein kann. Und das Sahnehäubchen auf meiner Geschichte ist, dass ich im Flamenco sogar mein privates Glück gefunden habe – den Gitarristen und wunderbarsten aller Menschen Victor Manuel Valls Cambra.

Flamenco ist für mich ein nie endendes Abenteuer und ein Meer voller Überraschungen. Mi pasión cada día.